Mob Grazing

Interview mit Manuel Winter

Mob Grazing ist eine Weidestrategie. Change Grazing ist die persönliche Initiative von Manuel Winter zu diesem Thema und Anlaufstelle für all jene, die sich für professionelle und effiziente Weidehaltung und regeneratives Grünlandmanagement interessieren.

HB (HUMUS Bewegung): Was versteht man grundsätzlich unter Mob Grazing?

MW (Manuel Winter): Mob Grazing ist eine Weidestrategie, die sich mit folgenden Punkten erklären lässt:

  • Lange Rastzeit

  • Hoher Aufwuchs

  • Sehr hohe Besatzdichte

  • Herdeneffekt/Herdenverhalten

  • Kurze Beweidungsdauer

Lange Rastzeiten helfen dem Bestand sich auf eine Trockenheit vorzubereiten oder sich davon zu erholen. Zusätzlich fördert es Pflanzen, die trockenheitstoleranter sind, da diese meist längere Rückzahlzeiten haben. Das heißt, sie brauchen mehr Zeit, um sich von einer Beweidung zu erholen. Oft sind Pflanzen, die besser an Trockenzeiten angepasst und tiefwurzelnd sind, auch hoch aufwachsende Arten. Werden zusätzlich lange Rastzeiten eingesetzt, sind die Bestände noch höher als sonst. Das dabei entstehende Mikroklima hilft der Pflanze Wasser zu sparen. Mit den hohen Besatzdichten können solche Bestände dann auch effizient beweidet werden. Beim Mob Grazing ist es üblich, einen großen Teil des Futters von den Rindern niedertrampeln zu lassen. Allerdings handelt es sich nur um eine Strategie, die in der Praxis nicht immer auf jeder Fläche angewendet wird oder nur für gewisse Zeiträume in der Vegetationsperiode. Nachdem ein Aufwuchs niedergetrampelt wurde, können die Besatzdichten auch genützt werden, um den neuen Aufwuchs gleichmäßig abfressen zu lassen. Die Besatzdichten und Rastzeiten sind variabel und sollten immer an das Pflanzenwachstum und den Standort angepasst werden. Die kurze Beweidungsdauer hilft Trittschäden zu minimieren und Überweidungen zu verhindern. Die hohen Besatzdichten werden nämlich nur in den neuen Futterstreifen erreicht, die mehrmals täglich freigegeben werden. Dies hilft eine Futterselektion zu vermeiden und die Futteraufnahme zu erhöhen. Dabei können die Tiere aber auch auf die abgefressenen Flächen zurück, um in Ruhe wiederkauen zu können. Nach 3-4 Tagen beginnt der Wiederaufwuchs und die bereits beweideten Flächen müssen hinten mit einem Ruhedraht wieder abgezäunt werden, um erneuten Verbiss zu verhindern.

HB: Woher kommt diese Methode der Beweidung?

MW: Ursprünglich kommt der Ansatz von Mob Grazing aus Südafrika und Zimbabwe, wo man sich die riesigen, umherziehenden Wildtierherden als Vorbild genommen hat. Der Begriff Mob Grazing wurde aber in Nordamerika geprägt (Bilder: oben Kanada, unten Argentinien). Dort versucht man die Bisonherden mit extrem hohen Besatzdichten nachzuahmen. Meist spricht man von Mob Grazing ab einer Besatzdichte von ca. 100t/ha (nur für wenige Stunden durch mehrmaliges Umtreiben). Im Fokus steht allerdings immer die Pflanzenphysiologie. Vor allem in den trockenen Graslandschaften ist es wichtig, nicht zu überweiden. Darum wird genau darauf geachtet, wie lange die Rastzeiten zwischen den Beweidungen dauern müssen, um die seltene Vegetation zu schützen. Auf angelegten Weiden setzt man auf tiefwurzelnde Pflanzen wie Obergräser, Luzerne und Kräuter. Auch diese Pflanzen brauchen längere Rastzeiten, die im Management berücksichtigt werden sollten. Mob Grazing kommt also klar aus den verschiedensten Trockengebieten. Dennoch können wir einiges davon umsetzen bzw. in den trockenen Sommermonaten für unsere Standorte adaptieren.

HB: Inwieweit werden die Prinzipien der Regenerativen Landwirtschaft verwirklicht?

MW: Ich denke, es gibt kaum ein Prinzip der regenerativen Landwirtschaft, welches bei Mob Grazing nicht umgesetzt wird - ob im Grünland oder Feldfutterbau:

  • Es gibt keine Bodenbearbeitung,

  • keinen Betriebsmitteleinsatz (Dünger, Herbizide etc.) und

  • immer lebendige Pflanzen, die durch die Beweidung vegetativ gehalten werden und somit länger in der Wachstumsphase bleiben. Dadurch werden auch mehr Exsudate an das Bodenleben abgegeben.

  • Der Boden ist durch die Mulchschicht immer bedeckt sowie durch den hohen Aufwuchs vor dem Beweiden und höhere Pflanzenrückstände nach der Beweidung beschattet.

  • Die Mulchschicht sowie der frische Dung der Rinder dient als perfektes Futter und als Lebensraum für zahlreiche Bodenlebewesen, Regenwürmer und Insekten.

  • Durch die verlängerten Rastzeiten können auch andere Pflanzenarten genützt werden, die unsere heimischen intensiven Weidesysteme nicht aushalten. Dadurch wird die Artenvielfalt der Pflanzen und auch der Insekten erhöht (Leguminosen und Kräuter kommen in die Blüte).

  • Auch das Wurzelsystem ist durch die höhere Anzahl von möglichen Weidepflanzen verbessert, da alle Arten unterschiedliche Wuchsformen besitzen (oberirdisch und unterirdisch).

  • Natürlich werden dabei Nutztiere integriert. Schließlich handelt es sich um eine Weidestrategie. Die Tiere befinden sich aber immer nur auf einem kleinen Teilbereich. Der Rest der Weide kann zum Wohle der Wildtiere ruhen. Auch der Dung wird von den Rindern (emissionsarm ohne Technik) ausgebracht und durch die hohen Besatzdichten gleichmäßig verteilt.

  • Die Ansätze der regenerativen Landwirtschaft im Ackerbau sind gut und schon lange praxistauglich, allerdings bedarf es immer an Maschinen. Bei Mob Grazing übernehmen den „Bodenaufbauenden Teil“ Rinder und Weidepflanzen.

HB: Kann die Methode zum Humusaufbau in unseren Böden beitragen und gibt es in Österreich regionale Unterschiede?

MW: In unseren Ackerböden und im trockenen Osten Österreichs ist noch Potenzial vorhanden. Im Dauergrünland, vor allem in den feuchten, kühlen Gunstlagen, wird es schwieriger. Dort ist ein Trampeleffekt wohl nicht notwendig. Aber hohe Besatzdichten und längere Rastzeiten könnten trotzdem genützt werden, um artenreichere und tiefwurzelnde Pflanzenbestände effizient und gleichmäßig zu beweiden.

Diese Weidestrategie kommt ja aus dem Trockengebiet. Darum wird Mob Grazing erstmals in Österreich im Marchfeld im Rahmen meiner Masterarbeit umgesetzt und erforscht. Bis jetzt sind die Erfahrungen durchwegs positiv und ich sehe Potenzial für viele Betriebe. Allerdings darf man auch nichts überstürzen, denn kein Betrieb gleicht dem anderen. Anpassungen werden nötig sein. „Schwarz/Weiß-Denken“ ist nicht angebracht. Auch wenn Mob Grazing eher in den Osten Österreichs passt, können alle etwas lernen.

HB: Worin liegen die fachlichen Herausforderungen für Einsteiger?

MW: Ich zähle gerne einige wichtige Anforderungen auf:

  • Beim Mob Grazing steht zum einen der Bodenaufbau im Vordergrund, zum anderen hohe Hektar-Leistungen. Hohe TM-Erträge ermöglichen es mehr Tiere pro ha zu halten. Das führt zu niedrigen Einzeltierleistungen. Daher sollte auf kleinrahmige, extensive, robuste Fleischrassen gesetzt werden.

  • Diese können mit den hohen Besatzdichten (nicht selektiver Verbiss) auch Bestände fressen, die man sonst nicht beweidet hätte.

  • Der Bestand sollte auf alle Fälle angepasst werden: eine Kurzrasenweide einfach nur hoch aufwachsen zu lassen, ist kein Mob Grazing.

  • Bei meiner Masterarbeit erzielte die Mischung mit Obergräsern und Kräutern (Spitzwegerich, Weide-Zichorie), ergänzt mit Luzerne und Esparsette, sehr gute Ergebnisse. Ein Folgeversuch für geeignete Mischungen ist in Planung.

  • Wichtig ist, Bestände anzupassen und die Tiere langsam an den nicht selektiven Verbiss zu gewöhnen. Dafür ist eine gute Zauntechnik unerlässlich!

  • Außerdem muss Mob Grazing als Strategie ja nicht auf jeder Fläche bei jedem Aufwuchs angewendet werden. Ein langsamer Umstieg hilft, Fehler zu vermeiden.

  • Als Referenz nenne ich den Betrieb Harbich. Dort wurde meine Masterarbeit umgesetzt. Einige weitere Betriebe werden derzeit von mir in Österreich und Deutschland beraten und betreut.

HB: Welche Unterstützung kannst du interessierten Bäuerinnen und Bauern anbieten?

MW: Ich biete Webinare und Seminare aber auch Feldbegehungen und einzelbetriebliche Beratungen rund um die Themen effiziente Weidehaltung, einfacher und schneller Zaunbau, regeneratives Grünlandmanagement und geeignete Saatgut-Mischungen an. Einfach kontaktieren unter kontakt@changegrazing.at

Das Interview mit Manuel Winter führte Andreas Karl-Barth von der HUMUS Bewegung.


Fotos: Manuel Winter

Manuel Winter kommt aus Scheibbs in Niederösterreich:

"Zu Hause bin ich aber überall wo Rinder auf der Weide stehen! Schon in Kindestagen war mir klar, dass ich Landwirt werden will. Unterstützt von meiner Familie konnte ich immer wieder bei Bekannten am Hof mitarbeiten und meine Leidenschaft für Rinder und Pferde ausleben. Also kein Wunder, wenn auch meine berufliche Laufbahn in diese Richtung weiter ging. Ich bin Absolvent des Francisco Josephinum, habe einen Abschluss in Agrarwissenschaften an der BOKU Wien und schrieb meine Bac.-Arbeit über Mob Grazing, nachdem ich in Kanada Praxiserfahrungen dazu gesammelt hatte. Dort konnte ich auch die Arbeit mit Rindern und Pferden kombinieren, indem ich als Cowboy auf großen Betrieben arbeitete. Auch im weiterführenden Studium der Nutztierwissenschaften an der BOKU, lässt mich das Thema nicht los. Also machte ich mich nach Südamerika auf, um wieder auf Mob Grazing Betrieben meinen Horizont zu erweitern und als Gaucho zu arbeiten. Das im In- und Ausland erlangte Wissen vermittle ich seither mit meiner Initiative "Change Grazing". Derzeit schreibe ich meine Masterarbeit über Mob Grazing und die Beweidung von Feldfutter im Trockengebiet. Mein persönliches Ziel ist es weiterhin Wissenschaft und Praxis mit Erfahrungen und Ansätzen aus der ganzen Welt zu verbinden. Und wenn es irgendwann mal sein soll, habe ich meinen eigenen Hof."